Vom ‚Gefühl nicht auszureichen‘

Das Gefühl nicht auszureichen, das kennen, glaube ich, auch so ziemlich alle von uns.
Man macht und tut, und trotzdem ist dieses Gefühl des unzureichend-Seins da. Weil jeder von uns immer wieder diese Situationen hat und erlebt, in denen uns von außen, oder durch die eigenen Glaubenssätze vermittelt wird:
DU reichst nicht aus!
Auch wenn es vielleicht im krassen Gegensatz zu „ich bin zuviel irgendwas“ zu sein steht – ich sehe da eine Verbindung.

Wenn ich mich zurücknehme, verbiege, um die Erwartungen anderer zu erfüllen, kann ich gar nicht ausreichen, weil es ja immer nur ein Teil von mir ist, nie ich selbst in Gänze – da haben die ‚anderen‘ und auch ich in mir selber schon recht. Nur dass der Grund für diese Aussage ein anderer ist – dass ich den Erwartungen anderer nicht genüge und auch meinen Glaubensätzen selbst nicht, die ich irgendwann in der Vergangenheit übernommen habe.

Die Frage ist – Warum habe ich diese Glaubenssätze übernommen?Welche Glaubenssätze sind das? Woher kommen sie?
UND Welche Erwartungen haben denn die ‚anderen‘ an mich?
Und: Warum haben sie diese?
Will ich mich dem fügen und bei dem Versuch untergehen, oder will ich den Spieß umdrehen? … und wenn ja, WIE mache ich das so, dass es für MICH funktioniert?

So viele Fragen…
Ich bin mir sicher, wir alle haben uns schon oft Antworten darauf gegeben. Und trotzdem – warum ist es nur so schwer, dagegen anzukommen gegen dieses eigene innere Gefühl des „Ich reiche nicht aus! /Ich bin unzureichend!“? Gegen dieses Gefühl von Versagen und Unzulänglichkeit, dass ausgerechnet meist in genau den Situationen aufplöppt, in denen wir es am aller wenigsten gebrauchen können und in denen es entweder konsequent an uns nagend, oder auch wie mit einem Vorschlaghammer schräg von der Seite kommend, den Boden unter den Füßen wegzuzerren scheint?

Die Erwartungen, die andere an uns stellen, die können wir nur sehr gering und sehr bedingt beeinflussen. Denn es sind ihre Erwartungen, ihre inneren Überzeugungen – die oft aus der eigenen Unsicherheit, aus den eigenen Glaubenssätzen resultieren und aus diesen inneren Mechanismen auf andere übertragen werden. Die Frage ist ja auch: Warum wollen wir das überhaupt immer, den Erwartungen anderer zu entsprechen?

Die Erklärung ist in den meisten Fällen wohl die, dass wir geliebt und/oder anerkannt werden wollen, was schließlich ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist. Weil Konformität uns ein Gefühl von Sicherheit gibt, egal wie trügerisch das ist. Das lernen wir von klein auf und übernehmen und verinnerlichen es als gesellschaftliche Norm. Jeder von uns kann wahrscheinlich ad hoc mindestens eine Handvoll schmerzhafter Situationen aufzählen, in denen wir nicht (vollständig) diesen Normen entsprochen und direkt vom Umfeld den Zeigefinger, die Augenbraue oder auch deutliche Worte und Konsequenzen bekommen haben: > So wie du gerade bist, bist du nicht richtig. Du reichst nicht aus, um unsere Erwartungen zu erfüllen – Und wenn du unseren Erwartungen nicht genügst, dann …. haben wir dich nicht mehr lieb; dann reden wir nicht mehr mit dir; dann darfst du nicht Teil unserer Gruppe sein … was auch immer. <

Und aus dieser gelernten Angst heraus stoppen wir uns selber an den falschen Stellen, machen die Dinge so wie wir meinen, dass andere sie erwarten, anstatt sie so zu tun, wie wir sie eigentlich tun wollen. Und sind oft unzufrieden oder gar unglücklich mit uns selber.
Oder wir geben unser Bestes und die gelernte Angst erhebt ihre Stimme in uns und nörgelt und stichelt an uns herum: >Du reichst nicht aus. Du bist einfach nicht gut genug und wirst es niemals sein. Du bist es nicht wert, geliebt zu werden. Du bist es nicht wert, dass man dir mit Respekt begegnet. Du bist es nicht Wert, Teil „dieser“ Gruppe zu sein.<

Warum halten wir an solchen Glaubenssätzen fest, obwohl sie uns wehtun? Obwohl sie uns klein machen? Obwohl sie uns manchmal einfach verzweifeln lassen?

Wir Menschen wollen unbedingt ein positives Selbstbild von uns selbst aufrecht erhalten, auch wenn wir dadurch Dinge tun, denken oder fühlen, die uns selber paradox erscheinen mögen. Aronson&Mills und Gerard & Mathewson haben schon 1959 &1966 in sozialpsychologischen Experimenten versucht, genau dieser Frage nachzugehen. Sie fanden heraus, dass wir Menschen, Dinge und Situationen (und die daraus resultierenden Glaubenssätze) als bekanntes Muster vorziehen, um deren Willen wir in der Vergangenheit bereits einmal gelitten haben. Wir ziehen sie vor, weil das Opfer, der Schmerz und die Scham, dass das mit uns passiert ist, so groß ist, dass wir uns vor uns selbst genau damit rechtfertigen – à la „Mein Leiden muss doch einen Sinn gehabt haben“. Oder „So schlimm war das alles ja nicht“. Oder noch besser „ Ich hab das alles doch nicht umsonst durchlitten“
Wir verzerren unsere Wahrnehmung in Hinblick auf schlimme vergangene Ereignisse, um unseren Selbstwert nachträglich zu schützen, um unsere Hilflosigkeit zu verdecken, um die Trauer, die Wut und den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Das ist gut so, denn es ist ein Überlebensmechanismus.
Das Problem daran ist, dass das ‚Gefühl nicht auszureichen‘ trotzdem bleibt. Denn es entsteht aus diesen tiefen Verletzungen, aus diesen tiefen vergangenen Gefühlen heraus, und setzt sich in uns fest.
Und solange wir beschäftigt sind, so lange unsere Psyche all ihre Abwehrmechanismen bereit hat, können wir diesen Glaubenssatz verdrängen. Doch dann kommen diese Momente der Erschöpfung, der Überforderung, oder auch der Verzweiflung. Unsere Psyche fährt alle Abwehrmechanismen, die diese Glaubenssätze in Schach halten runter, weil sie in dem Moment damit beschäftigt ist, uns überhaupt irgendwie senkrecht zu halten – denn auch wir haben nur begrenzte Energie zur Verfügung. Und schwupps, da kommt es wieder zum Vorschein, das ‚Gefühl nicht auszureichen‘…. und macht alles nur noch schlimmer.

Wo ist also der Weg da raus? Warum können wir Menschen, die uns lieben, die uns schätzen und die sich um uns sorgen, oft nicht so richtig glauben, wenn sie uns sagen „Du reichst aus!“ „Du bist wertvoll!“?
Weil wir uns es selbst nicht glauben. Weil wir Angst vor den vergangenen Gefühlen, Demütigungen, der vergangenen Hilflosigkeit haben. Weil wir Angst vor der Angst haben?
Weil wir uns selber nicht die Erlaubnis geben?

Und während ich hier sitze und diesen Artikel schreibe nagt es an mir… Was wenn es nicht ausreicht? Was wenn ich nicht genug bin, um dieses Herzensthema verständlich auszudrücken?
Also beschließe ich für mich, dass ich mir hiermit die Erlaubnis gebe, dieser Angst ins Gesicht zu sehen und mich dadurch verletzlich zu machen.
Dass ich mir und uns die Erlaubnis gebe, gesehen zu werden, so wie wir sind.

Ja. Ich erlaube mir und uns ‚genug zu sein‘.

Habt eine schöne Woche.

2 Gedanken zu „Vom ‚Gefühl nicht auszureichen‘

  1. Danke für diese wunderbaren Worte. Sie sind so pur und wahr. Ich lese gerade ein Buch rund um das Thema Identität und darin habe ich auch einige gute Ansätze zum Reflektieren gefunden, die deinem Artikel sehr ähnlich sind. Solches Seelenfutter ist manchmal mehr als nur nötig.

    Ganz liebe Grüße!

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