Die Kraft der Natur (Teil 2) – Im Wasser fließen

Mein geheiligter Ort, Mein Kraftquell, See, Erlen

Dieses Wasser ist mir heilig, dieser See ist mein Kraftort.

Ich liebe es, Baden zu gehen. Besonders jetzt, wenn das Wetter so warm ist, gibt es für mich nichts Wunderbareres, als in „meinen See“ zu springen.See, Schwimmen

Ein wenig weiter hinaus zu schwimmen und mich dann auf dem Wasser treiben zu lassen.
Das Wasser um mich herum fließen zu lassen.
Schon während ich die ersten Schwimmzüge mache, kommt es mir so vor, als hieße mich der See willkommen und wüsche mit jedem Schwimmzug einfach immer mehr und mehr Alltagsschmutz ab, den sichtbaren und den unsichtbaren. Ich spüre das Wasser an mir entlang fließen, meine Haut streicheln, mich willkommen heißen. Irgendwann lasse ich mich dann einfach, auf dem Rücken liegend, treiben. Meine offenen Haare mäandern wie Wasserpflanzen um mich herum und ich liege einfach nur auf dem Wasser und schaue in den Himmel. Sehe Wolkengebilde vorbei wandern und spüre die Weichheit des Wassers, das mich einfach trägt und gleichzeitig umschmiegt, wie eine zweite Haut.

Himmel, WolkenIch atme langsam und ruhig – und komme einfach komplett runter.
Raus aus dem Trott.
Raus aus meinen Gedankenströmen.
Raus aus dem Alltagsdrama.
Da ist einfach nur das Wasser, das Licht, der Himmel und ich.
Hin und wieder schwappen kleine Wellen gegen mein Kinn oder über mein Gesicht und zaubern Regenbogentropfen in meine Wimpern. Der See unter mir ist tief und klar. Und je länger ich einfach da liege und auf der Oberfläche vor mich hin treibe, desto mehr habe ich das Gefühl, dass diese Klarheit des Wassers mich durchströmt, dass sie beginnt, auch in mir Klarheit zu schaffen. Die Dinge auf das Wesentliche reduziert, während ich getragen werde.

Dieses Wasser ist mir heilig, dieser See ist mein Kraftort.

Ein nur schwer in Worte zu fassendes Gefühl von Glückseeligkeit kommt mit der Klarheit. Manchmal nur sehr leise und still, manchmal mit überschäumender Freude.
Hin und wieder auch nur sehr zögerlich – meistens dann, wenn ich traurig, verletzt oder wütend bin. Dann fühle ich bewusst hin in dieses Gefühl des mich fast überall berührenden, tragenden Wassers, lehne den Kopf soweit zurück, dass bis auf die Nase und den Mund fast nichts mehr von mir aus dem Wasser heraus schaut, spüre die Kühle des Wassers an meinem warmen Kopf, spüre, wie meine Haare um mich herumtanzen und stelle mir vor, wie diese wohltuende Kühle die Hitze und das „Zuviel davon“ aus meinem Kopf einfach in sich aufnimmt. Wie das Hitzige, das Lodernde aus meinem Kopf hinaus einfach ins Wasser fließt – all das, was mich innerlich „kochen und brodeln“ lässt. Spüre, wie die Kühle meinen Kopf sanft umfängt und mich einfach trägt. Und dann kommt es, dieses Gefühl der fließenden Klarheit, dieses Gefühl des ganz im Moment glücklich Seins.

Alltags-Stolpersteine

Dummerweise ist dieser See gute sieben Fahrstunden von meinem jetzigen Zuhause entfernt, denn er ist ein Ort der Sommer meiner Kindheit. Und natürlich halten sich die Sehnsucht und das innere Bedürfnis nach diesem Gefühl vom See getragen zu werden und mit dem Wasser zu fließen, nie so wirklich an meine Urlaubszeiten.
Also musste ich für mich andere, weitere Möglichkeiten finden. Und wie das so ist, habe ich mich selber viel zu lange gesträubt, und gar nicht erst versucht, etwas zu finden, denn „meinen See“ kann ja sowieso nichts ersetzen.
Redete ich mir ein.
Und schnitt mich selber von einem, mich ganz wunderbar einfach glücklich machen könnenden Gefühl ab. Aus Angst vor der Sehnsucht nach „zu Hause“, aus Angst vor dem Gefühl, dadurch vielleicht meine Wurzeln zu verlieren, aus Angst vor der Einsamkeit und dem Gefühl des tiefen Verlustes, weil dieser Ort einfach nicht mal eben so greifbar war. Kokolores, sag ich Euch!
Irgendwann, nach langer Zeit ging mir dann auf: Ja, ersetzen kann meinen See nichts.
Aber dieses Gefühl, das ist in mir. Und das Fließen, diese kühle, wohltuende Klarheit, die ist auch in mir selber. Mein See ist nur der vertrauteste Weg, mich daran zu erinnern.
Und während die Rädchen im Gehirn mit einem lauten Klicken endlich in ihre richtige Position eingerasteten, kam mir so der Gedanke: Mensch, du hast doch mindestens 3-4 verschiedene Schwimmbäder mit Außenbecken bei dir in der Nähe. Mit Salzwasser oder Sole, die auch abends noch geöffnet haben, wenn der ganze Trubel durch ist. Eines davon liegt sogar direkt neben einem See, so dass du im Mondschein badend die Frösche quaken und die Grillen zirpen hören kannst. Und im Winter nimmst du halt die Sole-Therme. Die ist bloß ne halbe Stunde weg.
Hör auf, Dingen nachzuheulen, die du nicht ändern kannst und beweg dich.
Geh los. Finde endlich FÜR DICH SELBST neue, gute Orte!
Probier es zumindest mal aus.
Trau dich!

Losgehen und Finden

Manchmal hilft ja bekanntermaßen einfach nur Losgehen. Wie sagt meine Mama immer: „Sorgen, packt eure Koffer, wir verreisen!“ Also packte ich meine Ängste und Sorgen gut in meinen Schwimm-Kulturbeutel und machte mich auf den Weg.
Und siehe da. Das Gefühl von fließender Klarheit und Getragen-Werden kam auch im Freibad beim Mondscheinschwimmen, in der Sole-Therme, oder im warmen Kinderbecken der örtlichen Schwimmhalle. Natürlich fühlt es sich an jedem Ort ein bisschen anders an – und das großartige daran ist, dass diese Verschiedenartigkeit der Örtlichkeiten es mir je nach Stimmungslage sogar leichter macht, bestimmten inneren Zuständen zu begegnen und diese loszulassen.
Manchmal brauche ich warmes, salziges Fließen, wenn ich mich innerlich erstarrt fühle. Manchmal brauche ich Mondschein-beschienenes, weiches, lichtgefülltes Fließen, um die Zartheit in mir zu stärken. Und manchmal einfach nur das Gefühl, getragen zu werden.
Natürlich sind all diese Orte nicht mein See. Aber sie sind auf ihre eigene Art und Weise wunderbar und lassen mich innerlich fließen. Und klar werden und ruhig. Und einfach kurz glücklich sein.

Was lässt Dich innerlich (wieder) fließen und verschafft Dir Klarheit?

Hab eine schöne Woche.

Die Kraft der Natur (Teil 1) – Die Sonne „einatmen“

Sommersonne

Jetzt, mitten im Sommer, wenn das Licht im Überfluss da ist, halte ich oft spontan in meinem Alltag für ein paar Momente inne – im Park, auf dem Balkon, im Garten, auf dem Parkplatz, vor meinem Fenster, im Wald, an der Haltestelle, vor meiner Haustür – egal wo, egal wann.
Stehe einfach nur da. Wende mein Gesicht der Sonne zu, erhebe meine Arme ein wenig und schließe die Augen.
Spüre die Wärme in meinem Gesicht, die Luft, die meine Haut berührt.
Atme tief aus.
Atme tief ein.
Fühle nach, wie dieser sonnendurchflutete Atem durch meinen Kopf, meinen Hals, in meine Lungen strömt, stelle mir vor, wie er meinen Brustkorb füllt.
Und Atme aus.
Spüre den Wind und die Wärme auf der Haut.
Und atme wieder ein – die sonnendurchflutete Wärme tief in den Bauch hinein. Stelle mir vor, wie sich beim Einatmen die Wärme und das Licht aus meinen Brustkorb heraus ausdehnen.
In meine Schultern. In meinen Bauch. Und atme aus.
Spüre den Sonnenschein auf meiner Haut, spüre ihn mich umfließen, mich einhüllen.
Und atme Sonnenlicht ein.
Stelle mir vor, wie sich Helligkeit und Wärme mit meinem Atem in meinem Brustkorb sammeln, wie es überläuft, wie es mein Herz einhüllt und durchdringt.
Atme aus.
Und mit jedem weiteren Atemzug stelle ich mir vor, wie diese Wärme und Helligkeit mit dem Sauerstoff in jeden Winkel meines Körpers transportiert wird. Wie das Sonnenlicht beginnt – ausgehend von meinen Lungen – meinen Körper zu durchströmen. Wie sich mit jedem weiteren Atemzug immer mehr Licht und Wärme in mir ansammelt.
Das Ein- und Ausatmen gibt diesem Fließen in mir immer mehr Kraft.
Ich stelle mir vor, wie das Licht und die Wärme durch meine Adern in meinen Bauch, meine Beine, in meine Füße und Zehen geleitet wird. Wie es sich von meinem Brustkorb in meine Schultern, Arme und Hände ausbreitet. Wie es durch meinen Hals in meinen Kopf strömt.
Nehme die Röte der Sonne hinter meinen geschlossenen Augenlidern war und spüre die Sonne auf meinem Gesicht.
Gedanklich fülle ich mich mit jedem Atemzug immer mehr mit dieser sonnendurchfluteten Wärme an, bis ich das „Gefühl“ habe, innerlich zu leuchten.
Von innen heraus zu strahlen.
Ganz warm und hell in mir selbst zu sein.

Und atme einfach weiter.
Spüre mich selbst – ganz, hell, warm.
Spüre für diesen Moment, wie ich mich heil fühle in meinem Körper in dieser Wärme und Helligkeit.
Spüre, wie dass Sonnenlicht meine ureigene Kraft weckt, wie sie mich beginnt zu durchfließen.
Genieße dieses warme Gefühl.
Atme.

Nach einer Weile öffne ich dann die Augen und lächle so vor mich hin.

 

Nicht nur im Sommer…. Wintersonne

Natürlich tanke ich auf diese Weise nicht nur im Sommer und spontan im Alltag, sondern egal zu welcher Jahreszeit und auch ganz gezielt für mich auf.
Wenn mir zum Beispiel in mir selber das Licht fehlt, oder ich mich schlicht erschöpft fühle.

 

Im Sommer passiert es häufiger und oft spontan, weil das Licht durch seine allgegenwärtige Präsenz mich selbst mich an diese Art des Auftankens „erinnern“ lässt.
Im Winter vergesse ich manchmal, dass es diese Möglichkeit des „Lichtbadens“/“Lichtatmens“ gibt, die so einfach und schnell so viel Gutes für mich tun kann, weil das Sonnen-Licht oft einfach gar nicht da zu sein scheint. Deswegen bin ich in den letzten Jahren dazu übergegangen, diese Variante des „für mich-selber-Sorgens“ so oft wie es geht spontan in meinem Alltag zu praktizieren, damit es greifbarer auch in den Momenten für mich bleibt, in denen ich es dringend brauche. Ein weiterer Effekt ist, dass es mir inzwischen manchmal schon reicht, mich an diese Momente im Sonnenschein zu erinnern, um mein inneres Licht wieder ins Strömen zu bringen…

Den eigenen Bedürfnissen mit Qualitäten begegnen …

Wenn ich diese Art des Licht-Kraft-Tankens ganz bewusst und ganz gezielt für mich einsetze, hilft es mir manchmal, die für mich entsprechenden Qualitäten des Lichtes zu verschiedenen Tageszeiten (und meine Assoziation zu ihnen) zu berücksichtigen, um mich einfach besser auf diese Auszeit einlassen zu können: um dadurch evtl. weniger innere Widerstände  – oder/und  dadurch mehr inneres Gefühl von „das passt jetzt“, „das ist genau das, was ich jetzt brauche“ zu haben. Mir also im Vorfeld Stressoren aus dem Weg zu räumen und mich besser auf das „Ich tu mir etwas Gutes“ einlassen zu können.Abendsonne

Deshalb „brauche“ ich manchmal eher die Qualität der Morgensonne, mit ihrer sanften, klaren, alles durchdringenden Helligkeit. Manchmal mehr die gleißende Mittagssonne, die sehr heiß und sehr hart sein kann, gleichzeitig so wohltuend wie ein heißes „Körnerkissen für die Seele“ . Und manchmal bade ich im Abendlicht, im wilden Farbspektakel des Sonnenuntergangs.

 

 

Vielleicht magst du es ja für dich auch ausprobieren?

 

 

 

Habt eine schöne Woche.

Vom ‚Gefühl nicht auszureichen‘

Das Gefühl nicht auszureichen, das kennen, glaube ich, auch so ziemlich alle von uns.
Man macht und tut, und trotzdem ist dieses Gefühl des unzureichend-Seins da. Weil jeder von uns immer wieder diese Situationen hat und erlebt, in denen uns von außen, oder durch die eigenen Glaubenssätze vermittelt wird:
DU reichst nicht aus!
Auch wenn es vielleicht im krassen Gegensatz zu „ich bin zuviel irgendwas“ zu sein steht – ich sehe da eine Verbindung.

Wenn ich mich zurücknehme, verbiege, um die Erwartungen anderer zu erfüllen, kann ich gar nicht ausreichen, weil es ja immer nur ein Teil von mir ist, nie ich selbst in Gänze – da haben die ‚anderen‘ und auch ich in mir selber schon recht. Nur dass der Grund für diese Aussage ein anderer ist – dass ich den Erwartungen anderer nicht genüge und auch meinen Glaubensätzen selbst nicht, die ich irgendwann in der Vergangenheit übernommen habe.

Die Frage ist – Warum habe ich diese Glaubenssätze übernommen?Welche Glaubenssätze sind das? Woher kommen sie?
UND Welche Erwartungen haben denn die ‚anderen‘ an mich?
Und: Warum haben sie diese?
Will ich mich dem fügen und bei dem Versuch untergehen, oder will ich den Spieß umdrehen? … und wenn ja, WIE mache ich das so, dass es für MICH funktioniert?

So viele Fragen…
Ich bin mir sicher, wir alle haben uns schon oft Antworten darauf gegeben. Und trotzdem – warum ist es nur so schwer, dagegen anzukommen gegen dieses eigene innere Gefühl des „Ich reiche nicht aus! /Ich bin unzureichend!“? Gegen dieses Gefühl von Versagen und Unzulänglichkeit, dass ausgerechnet meist in genau den Situationen aufplöppt, in denen wir es am aller wenigsten gebrauchen können und in denen es entweder konsequent an uns nagend, oder auch wie mit einem Vorschlaghammer schräg von der Seite kommend, den Boden unter den Füßen wegzuzerren scheint?

Die Erwartungen, die andere an uns stellen, die können wir nur sehr gering und sehr bedingt beeinflussen. Denn es sind ihre Erwartungen, ihre inneren Überzeugungen – die oft aus der eigenen Unsicherheit, aus den eigenen Glaubenssätzen resultieren und aus diesen inneren Mechanismen auf andere übertragen werden. Die Frage ist ja auch: Warum wollen wir das überhaupt immer, den Erwartungen anderer zu entsprechen?

Die Erklärung ist in den meisten Fällen wohl die, dass wir geliebt und/oder anerkannt werden wollen, was schließlich ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist. Weil Konformität uns ein Gefühl von Sicherheit gibt, egal wie trügerisch das ist. Das lernen wir von klein auf und übernehmen und verinnerlichen es als gesellschaftliche Norm. Jeder von uns kann wahrscheinlich ad hoc mindestens eine Handvoll schmerzhafter Situationen aufzählen, in denen wir nicht (vollständig) diesen Normen entsprochen und direkt vom Umfeld den Zeigefinger, die Augenbraue oder auch deutliche Worte und Konsequenzen bekommen haben: > So wie du gerade bist, bist du nicht richtig. Du reichst nicht aus, um unsere Erwartungen zu erfüllen – Und wenn du unseren Erwartungen nicht genügst, dann …. haben wir dich nicht mehr lieb; dann reden wir nicht mehr mit dir; dann darfst du nicht Teil unserer Gruppe sein … was auch immer. <

Und aus dieser gelernten Angst heraus stoppen wir uns selber an den falschen Stellen, machen die Dinge so wie wir meinen, dass andere sie erwarten, anstatt sie so zu tun, wie wir sie eigentlich tun wollen. Und sind oft unzufrieden oder gar unglücklich mit uns selber.
Oder wir geben unser Bestes und die gelernte Angst erhebt ihre Stimme in uns und nörgelt und stichelt an uns herum: >Du reichst nicht aus. Du bist einfach nicht gut genug und wirst es niemals sein. Du bist es nicht wert, geliebt zu werden. Du bist es nicht wert, dass man dir mit Respekt begegnet. Du bist es nicht Wert, Teil „dieser“ Gruppe zu sein.<

Warum halten wir an solchen Glaubenssätzen fest, obwohl sie uns wehtun? Obwohl sie uns klein machen? Obwohl sie uns manchmal einfach verzweifeln lassen?

Wir Menschen wollen unbedingt ein positives Selbstbild von uns selbst aufrecht erhalten, auch wenn wir dadurch Dinge tun, denken oder fühlen, die uns selber paradox erscheinen mögen. Aronson&Mills und Gerard & Mathewson haben schon 1959 &1966 in sozialpsychologischen Experimenten versucht, genau dieser Frage nachzugehen. Sie fanden heraus, dass wir Menschen, Dinge und Situationen (und die daraus resultierenden Glaubenssätze) als bekanntes Muster vorziehen, um deren Willen wir in der Vergangenheit bereits einmal gelitten haben. Wir ziehen sie vor, weil das Opfer, der Schmerz und die Scham, dass das mit uns passiert ist, so groß ist, dass wir uns vor uns selbst genau damit rechtfertigen – à la „Mein Leiden muss doch einen Sinn gehabt haben“. Oder „So schlimm war das alles ja nicht“. Oder noch besser „ Ich hab das alles doch nicht umsonst durchlitten“
Wir verzerren unsere Wahrnehmung in Hinblick auf schlimme vergangene Ereignisse, um unseren Selbstwert nachträglich zu schützen, um unsere Hilflosigkeit zu verdecken, um die Trauer, die Wut und den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Das ist gut so, denn es ist ein Überlebensmechanismus.
Das Problem daran ist, dass das ‚Gefühl nicht auszureichen‘ trotzdem bleibt. Denn es entsteht aus diesen tiefen Verletzungen, aus diesen tiefen vergangenen Gefühlen heraus, und setzt sich in uns fest.
Und solange wir beschäftigt sind, so lange unsere Psyche all ihre Abwehrmechanismen bereit hat, können wir diesen Glaubenssatz verdrängen. Doch dann kommen diese Momente der Erschöpfung, der Überforderung, oder auch der Verzweiflung. Unsere Psyche fährt alle Abwehrmechanismen, die diese Glaubenssätze in Schach halten runter, weil sie in dem Moment damit beschäftigt ist, uns überhaupt irgendwie senkrecht zu halten – denn auch wir haben nur begrenzte Energie zur Verfügung. Und schwupps, da kommt es wieder zum Vorschein, das ‚Gefühl nicht auszureichen‘…. und macht alles nur noch schlimmer.

Wo ist also der Weg da raus? Warum können wir Menschen, die uns lieben, die uns schätzen und die sich um uns sorgen, oft nicht so richtig glauben, wenn sie uns sagen „Du reichst aus!“ „Du bist wertvoll!“?
Weil wir uns es selbst nicht glauben. Weil wir Angst vor den vergangenen Gefühlen, Demütigungen, der vergangenen Hilflosigkeit haben. Weil wir Angst vor der Angst haben?
Weil wir uns selber nicht die Erlaubnis geben?

Und während ich hier sitze und diesen Artikel schreibe nagt es an mir… Was wenn es nicht ausreicht? Was wenn ich nicht genug bin, um dieses Herzensthema verständlich auszudrücken?
Also beschließe ich für mich, dass ich mir hiermit die Erlaubnis gebe, dieser Angst ins Gesicht zu sehen und mich dadurch verletzlich zu machen.
Dass ich mir und uns die Erlaubnis gebe, gesehen zu werden, so wie wir sind.

Ja. Ich erlaube mir und uns ‚genug zu sein‘.

Habt eine schöne Woche.

Vom Gefühl „zu viel irgendwas“ zu sein – und der tanzenden inneren Wilden Frau

„Du bist zu dick! Du bist zu dünn! Du redest zu schnell! Du lachst zu laut! Du denkst zu kompliziert, da kommt ja keiner mehr mit! Du bist immer so emotional! Du planst zu viel! Du bist nicht … – Du bist zu … !“

Wer kennt diese Situationen nicht?

Und jedes Mal, wenn ich für irgend jemanden „zu viel irgendwas“ bin, nagt das an mir.
Nagt ein Stück meines Ichs, meines Seins an, macht es mich klein.
Warum eigentlich?
Warum darf ich nicht einfach so sein wie ich bin? Außerdem gebe ich mir doch Mühe, zumindest erträglich angepasst zu sein, freundlich, „Everybody’s Darling“ – und trotzdem kommen sie immer wieder, diese Sprüche, diese hochgezogenen Augenbrauen, oder einfach nur dieser missbilligende Unterton, weil ich mal wieder „zu viel irgendwas“ bin.

Vor einiger Zeit kam mir dann irgendwann die Erkenntnis:
>Ich kann es eh nicht allen recht machen, so sehr ich es auch versuche, irgendwer hat immer was zu knöttern. Dann kann ich auch gleich so sein, wie ich bin und mich wenigstens ganz und unverbogen dabei fühlen!<

Meine ‚innere Wilde Frau‘ jubelte ob dieser grundlegenden, tiefsinnigen Einsicht, denn sie hat es schon lange satt, sich immer wieder zu ducken und sich selber immer wieder auf’s Neue klein zu machen, nur um nicht unangenehm aufzufallen – oder gar noch schlimmer, von anderen mal mehr und mal weniger subtil ausgegrenzt zu werden. UND dabei auch noch das Gefühl zu haben, sich selbst verraten zu haben.
Also ab jetzt: Aufrecht durch‘s Leben! Raum einnehmen! Angriffsfläche bieten!
„Ähm. Naja,“ meldete sich mein ‚angepasstes Selbst‘ vorsichtig zu Wort. „Meinst du nicht, dass du dir damit Chancen verbaust? Dass die Leute dich dann nur noch mehr kritisieren, dich ausgrenzen, an dir dir rumnörgeln? Dass es dadurch einfach nur noch anstrengender wird?“
„Ja. Das ist definitiv der Fall“, stimmte ich meinem angepassten Selbst zu. Aber ‚die anderen‘ machen es doch sowieso. Da bin ich doch lieber ich selbst in meiner vollen Gänze und in meinem „zu viel sein“,  als mich ständig zu fragen, wer jetzt schon wieder was an mir rumzunörgeln hat. Da gehe lieber mit stolz erhobenem Kopf durch mein Leben, als meine Energie vergeblich in dem Versuch darauf zu verschwenden, diese Konflikte und Verletzungen schon im Vorfeld zu vermeiden, indem ich mich verbiege, zurücknehme und selber beschränke – was ja auch nicht funktioniert, denn an mir rumgezerrt und rumgemäkelt wird so oder so.
Deswegen, mein liebes angepasstes Selbst, stecke ich meine Energie ab jetzt lieber in das, was ich bin und erreichen will, und hab noch emotionale Reserven übrig, um mit den zu erwartenden negativen Reaktionen besser umgehen zu können. Hoffe ich.
Und ja, natürlich tut es nach wie vor weh, zu merken, dass ich für irgendjemanden „zu viel“ bin, denn nur weil ich mich jetzt bewusst „für mich als Gesamtpaket“ entschieden habe, hören die „du bist zu viel“s ja nicht auf.
Im Gegenteil, dadurch werden sie gefühlt eher mehr.
Andererseits spüre ich auch die Stärke und meine innere Kraft sehr viel deutlicher, weil ich mich nicht mehr selber klein mache, sondern ich mich ‚ganz sein‘ lasse.
Ja! ICH-MICH. Ein sehr befriedigendes Gefühl.
Jedenfalls schaffe ich das meistens. Manchmal falle ich noch in alte Muster zurück und leide wie ein Schlosshund, bis meine innere Wilde Frau „vorbeigetanzt“ kommt und mich liebevoll mit Anlauf daran erinnert, dass es bei mir liegt, mich klein oder groß zu fühlen, dass es an mir ist, ganz und gar zu sein.

Natürlich gibt es immer noch Situationen im Alltag, an denen ich Kompromisse machen muss, an denen ich manchmal mein „zu viel irgendwas“ zurückschrauben muss, oder es gar freiwillig mache, und natürlich die Stellen, an denen ich ungewollt mit meinem „zuviel irgendwas sein“ anecke. Und in diesen Situationen, mein liebes angepasstes Selbst, bin ich dir sehr dankbar. Du weißt wie es läuft, kennst auch die guten und funktionierenden Mechanismen, und hilfst mir da dann einfach durch. Aber immerhin sind mir diese Momente inzwischen bewusst und ich entscheide immer wieder auf‘s Neue, ob ich das wirklich will oder eben nicht.

Ich glaube, ich bin tatsächlich dabei, meine Furcht davor für andere „zu viel irgendwas“ zu sein, zu bezwingen. Denn ich spüre jetzt wieder, dass ich schon immer meine ganz ureigene, wilde Frau gewesen bin – ich hatte es nur vergessen, verdrängt, verleugnet.

Jede von uns ist ihre ganz eigene Wilde Frau.
Wir sind die Frauen – die Töchter, die Mütter und die Großmütter, die Tanten, Cousinen und Schwestern – die in dieser Welt etwas ausrichten können.
Erlauben wir uns doch einfach selber, in unserer gesamten Fülle GANZ und VIEL zu sein.
Habt eine schöne Woche, Ihr Lieben.